Handlungsfeld: Familienfreundliche Studienbedingungen

Dieses Handlungsfeld aus unserer Datenbank mit Praxisbeispielen orientiert sich an den Bedarfen von Studierenden. Häufige Maßnahmenarten in diesem Feld sind Regelungen seitens der Hochschule für flexible Studienbedingungen (wie zum Beispiel Lockerungen bei Prüfungsfristen und -zeiten oder Anwesenheitspflichten) oder für ein Teilzeitstudium. Des Weiteren gibt es die Maßnahmenart Tandems, bei der Schwangere oder Studierende mit Kind durch Mitstudierende während des Semesters beispielsweise durch Mitschriften oder Nachhilfe unterstützt werden. Hinzu kommen E-Learning oder die Förderung des Auslandsstudiums mit Kind. Ein Eltern-Ausweis kann zum Beispiel die Doppelbelastung von Studierenden mit Kind dokumentieren und so der Sensibilisierung von Lehrenden dienen.


Familienfreundliche Studienbedingungen: zentrale Forschungsergebnisse

Familienfreundliche Studienbedingungen: zentrale Forschungsergebnisse

An vielen Hochschulen werden spezielle Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Studium und Familie angeboten. Diese beziehen sich zum Beispiel auf zeitliche und räumliche Modifikationen der Studienorganisation. Studierende werden darüber hinaus auch bei vielen Maßnahmen weiterer Handlungsfelder mit adressiert.

Die Bandbreite der Maßnahmen in diesem Handlungsfeld ist besonders groß. Rund die Hälfte der im Rahmen der Bestandsaufnahme befragten Hochschulen bietet familienfreundliche Studienzeiten innerhalb von geregelten Kernzeiten an, um zeitliche Flexibilität für Studierende mit Kind auch in Vollzeitstudiengängen zu schaffen. In gleichem Maß existieren Regelungen zur Verlängerung von Fristen für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten oder Prüfungen. An rund einem Drittel der befragten Hochschulen können Studierende mit Kind ihre Anwesenheitspflicht reduzieren oder Fehlzeiten durch andere Prüfungsleistungen ausgleichen. Ebenfalls an einem Drittel der Hochschulen, die an der Bestandsaufnahme teilgenommen haben, existieren für einzelne Studiengänge Teilzeitstudienordnungen. An einem Fünftel der befragten Hochschulen können Studierende mit Familienpflichten bei der Seminarplatzvergabe bevorzugt werden. Weitere Maßnahmen, die im Rahmen der Befragung der Studierenden erfasst wurden, sind die Verlängerung der Regelstudienzeit, Ausnahmen wegen Krankheit des Kindes und E-Learning-Angebote. In den Selbstmeldungen an die Effektiv-Datenbank wurden darüber hinaus Tandem-Programme erfasst, die Studierende mit und ohne Kind zusammen bringen, sowie Unterstützungsangebote beim Auslandsstudium mit Kind.

Die Bekanntheit der einzelnen Maßnahmen, die im Rahmen der Befragung der Studierenden an der Modellhochschule erhoben wurde, ist bei kinderlosen Studierenden recht unterschiedlich. Das Teilzeitstudium ist zwei Dritteln der Befragten bekannt und somit mit Abstand die bekannteste Maßnahme, obwohl es zum Zeitpunkt der Erhebung nicht an allen Fakultäten der Modellhochschule angeboten wurde. Rund ein Drittel der Befragten gibt an, die Verlängerung der Regelstudienzeit, familienfreundliche Studienzeiten, Ausnahmen wegen Krankheit des Kindes sowie Informations- und Beratungsangebote für Studierende mit Kind zu kennen. Weniger als einem Sechstel der Befragten sind die Bevorzugung bei der Seminarplatzvergabe, die Reduktion der Anwesenheitspflicht und längere Fristen für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten bekannt. Nur jede/r zehnte Befragte kennt Angebote im Bereich des E-Learning.

Bei der Befragung der Studierenden wurde ermittelt, dass der Nutzungsgrad der untersuchten Maßnahmen sowohl bundesweit als auch an der Modellhochschule relativ gering ist. Familienfreundliche Studienzeiten werden bundesweit von den Studierenden mit Kind am häufigsten genutzt – ein Fünftel der Befragten gab an, diese Maßnahme bereits genutzt zu haben. Der größte Teil der Maßnahmen wurde von rund einem Zehntel der Befragten genutzt. Dazu zählen Informations- und Beratungsangebote für Studierende mit Kind, längere Fristen für Haus-, Seminar und Abschlussarbeiten, die Bevorzugung bei der Seminarplatzvergabe, E-Learning-Angebote, die Möglichkeit des Teilzeitstudiums und die Verlängerung der Regelstudienzeit. Weniger als ein Zehntel der Befragten nutzte Ausnahmeregelungen wegen Krankheit des Kindes und die Reduktion der Anwesenheitspflicht bei Veranstaltungen.

Bei der bundesweiten Befragung der Studierenden bewerteten diejenigen, welche die Maßnahmen bereits genutzt hatten, fast alle Maßnahmen als (sehr) hilfreich. Neun von zehn Befragten gaben an, dass die Verlängerung der Regelstudienzeit, das Teilzeitstudium, die Bevorzugung bei der Seminarplatzvergabe, längere Fristen für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten, familienfreundliche Studienzeiten, Ausnahmen wegen Krankheit des Kindes und ELearning-Angebote für sie (sehr) hilfreich gewesen seien. Bei der Reduktion der Anwesenheitspflicht gaben dies acht von zehn Befragten an. Eine Ausnahme sind Informations- und Beratungsangebote, diese bewertet nur die Hälfte der befragten Studierende mit Kind als (sehr) hilfreich. Eine mögliche Erklärung für die Abweichung ist, dass diese Maßnahme eher indirekt wirkt, da Beratungs und Informationsangebote auf andere Maßnahmen verweisen und keine direkten zeitlichen Entlastungen oder ähnliche Effekte bewirken.

Flexible Studienbedingungen und E-Learning-Angebote können die Studienzufriedenheit erhöhen, so das Ergebnis einer Studie, die im systematischen Review untersucht wurde. Eine weitere Studie stellte für ein Tandem-Programm fest, dass dieses einen Kulturwandel hinsichtlich der Familienfreundlichkeit an der Hochschule bewirken könne, indem kinderlose Studierende und Studierende mit Kind sich gegenseitig unterstützen. Dass Maßnahmen für Studierende einen Kulturwandel auch befördern sollen, wurde in den Gruppendiskussionen betont. Hochschulen hätten darüber hinaus eine gesellschaftliche Vorbildfunktion, weshalb den Studierenden – und damit den Führungskräften von morgen – ein Bewusstsein für Familienfreundlichkeit vermittelt werden müsse. Grundlegend für die erfolgreiche Umsetzung von Familienfreundlichkeit im Hinblick auf Studierende ist aus Sicht der Diskussionsteilnehmenden die Schaffung einer Atmosphäre, in der eine
Schwangerschaft als mit dem Studium vereinbar wahrgenommen wird und nicht zu Abbruch von entweder Studium oder Schwangerschaft führt. Eine weitere Studie zeigt, dass Studierenden mit Kind eine solche Atmosphäre oft fehlt. Sie bemängeln, dass Lehrende und Mitstudierende oft kein Verständnis für ihre Situation zeigten.

Die Befragung der Studierenden macht sichtbar, dass zwischen der tatsächlichen Nutzung und dem von den Befragten artikulierten Bedarf ein großer Unterschied besteht. Die Bedarfe sind, unabhängig von der aktuellen Nutzung, hinsichtlich aller Angebote sehr hoch, was sowohl in den Ergebnissen der Befragung der Studierenden als auch im systematischen Review deutlich wird. Von den bundesweit befragten Studierenden mit Kind, die einen (sehr) hohen Bedarf an familienfreundlichen Studienzeiten äußern, nutzt weniger als ein Drittel dieses Angebot der Hochschule. Weitere Angebote, wie das Teilzeitstudium, die Bevorzugung bei der Seminarplatzvergabe, längere Fristen für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten und E-Learning-Angebote werden nur von jeder beziehungsweise jedem fünften Befragten mit einem (sehr) großen Bedarf genutzt. Nur rund ein Zehntel der Befragten mit (sehr) großem Bedarf nutzte die Verlängerung der Regelstudienzeit, Ausnahmen wegen Krankheit des Kindes, Informations- und Beratungsangebote für Studierende mit Kind und die Reduktion der Anwesenheitspflicht. Diese Angebote stehen
nicht an allen Hochschulen zur Verfügung oder sie werden nur in geringem Ausmaß angeboten. Des Weiteren sind die Maßnahmen oft relativ wenig bekannt, so dass neben der Einrichtung beziehungsweise der Ausweitung des Angebots auch eine bessere Bekanntmachung der Maßnahmen eine Handlungsmöglichkeit für Hochschulen darstellt. Weitere Gründe für die große Differenz zwischen hohem Bedarf und relativ geringer Nutzung sind qualitative Merkmale der Angebote. Eine solche Barriere, die der Nutzung von Angeboten entgegenstehen kann, ist beispielsweise, dass Maßnahmen zum Teil nicht auf einfachem Weg in Anspruch genommen werden können, sondern umständlich
beantragt werden müssen. Derartige Barrieren sind teilweise hochschulspezifisch, weswegen es im Aufgabenbereich der einzelnen Hochschule liegt, sie zu identifizieren und passgenaue Lösungen zu entwickeln.

Familienfreundliche Studienbedingungen: ausgewählte Praxisbeispiele

Familienfreundliche Studienbedingungen: ausgewählte Praxisbeispiele

Tandem – Mentoring-Programm für Studierende mit Familie

Mit einem Mentoringprojekt unterstützt eine Hochschule Studierende mit Familienaufgaben bei der familienfreundlichen Organisation ihres Studiums. Familienverantwortung bedeutet, dass Kinder und/oder pflegebedürftige Angehörige betreut werden. Das Konzept basiert auf einem zweisemestrigen One-to-one-Mentoring, welches als Erfolgsinstrument in der Wissenschaft und Wirtschaft seit Langem etabliert ist und dabei hilft, die Stärken und Entwicklungspotentiale der Mentees im Tandem zu beleuchten und konkrete Hilfestellungen zu bieten. Als Mentee bekommen die Studierenden eine studentische Mentorin bzw. einen studentischen Mentor zur Seite gestellt, die oder der bei der Bewältigung des Studiums helfen soll. Gemeinsam können Veranstaltungen vor- und nachbereitet und dabei gemeinsam Hemmschwellen abgebaut werden. Die Tandems werden vom Koordinationsteam gebildet und studieren idealerweise denselben oder einen verwandten Studiengang. Studierende, die sich als Mentor/innen zur Verfügung stellen, bekommen
eine vorbereitende und prozessbegleitende Schulung. Sie werden eingeführt in ihre Rolle und lernen verschiedene Ansätze erfolgreicher Gesprächsführung und zielführende Kommunikationsstile. Eine Auseinandersetzung mit Themen der
Geschlechtergerechtigkeit und Diversität an Hochschulen ist ein weiterer wichtiger Bestandteil des Programms. Für die aktive Teilnahme am Projekt
werden Leistungspunkte an die Mentees vergeben und ein aussagekräftiges Zertifikat verliehen.

Studieren in Teilzeit

Eine Hochschule bietet erwerbstätigen, schwangeren und chronisch kranken Studierenden sowie Studierenden mit Kind oder Pflegeverantwortung die Möglichkeit an, Teile des Studiums in Teilzeit zu studieren, soweit die entsprechende Prüfungsordnung des Faches dies erlaubt. Es gibt keine vorgefertigten Teilzeitstudiengänge, die beispielsweise nur vormittags oder nachmittags studiert werden könnten. Teilzeit-Studieren an der Hochschule bedeutet, dass in bestimmten Semestern nur die Hälfte bis maximal 60% der vorgeschriebenen Lehrveranstaltungen besucht werden muss. Es handelt sich
also um eine individuelle Streckung bestehender Vollzeitstudiengänge. Das Studieren in Teilzeit begründet keinen Rechtsanspruch auf Bereitstellung
eines gesonderten Lehr- und Studienangebots. Teilzeitstudierende müssen ihr Studium eigenständig gestalten, sie werden von Expert/innen der allgemeinen Studienberatung und der jeweiligen Fachberatung bei der Planung unterstützt.

Ausgewählte Handlungsmöglichkeiten

  • Hochschulweite Etablierung familienfreundlicher Studienbedingungen, z.B. Studienzeiten innerhalb von geregelten Kernzeiten, Regelungen zur Verlängerung von Fristen für Haus-, Seminar- und Abschlussarbeiten oder Prüfungen, Teilzeitstudium, Bevorzugung bei der Seminarplatzvergabe, Verlängerung der Regelstudienzeit, Ausnahmeregelungen wegen Krankheit des Kindes, E-Learning-Angebote
  • Vereinfachter Zugang zur Nutzung der Maßnahmen
  • Verbesserung der Bekanntheit der Maßnahmen für Studierende mittels Öffentlichkeitsarbeit